Als Schulärztin führt Herta Ramisch seit fast 20 Jahren für das Gesundheitsamt bei künftigen Erstklässlern die Schuleingangsuntersuchungen durch. Immer wieder trifft sie dabei auf Kinder, deren Potenzial gut zu erkennen ist. Vor allem, was die Sprachförderung betrifft, kann Ramisch ihnen aber oft nicht weiterhelfen.
Akute Personalnot in Kitas und Schulen, eklatante Leistungseinbrüche bei den Kindern: In welchem Umfang die deutsche Bildungspolitik scheitert, wird mit jeder Zahl deutlicher, die insbesondere Lehrkräfte in ihrer Verzweiflung derzeit an die Öffentlichkeit geben. Dass Erstklässler an Ludwigshafener Grundschulen reihenweise das Klassenziel nicht erreichen, daran wird sich wohl auch im kommenden Jahr kaum etwas ändern: „Von den bisher durchgeführten schulärztlichen Untersuchungen wird bei 50 bis 80 Prozent der Kinder attestiert, dass sie die Schule besuchen können, sofern eine adäquate Förderung gegeben ist“, heißt es in dem offenen Brief, den jüngst die Schulleitungen aller Ludwigshafener Grundschulen gemeinsam mit den Elternbeiräten an Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) geschickt haben.
Fragt man Schulärztin Herta Ramisch, was das denn nun genau bedeutet, wird schnell klar: „Im Grunde nichts anderes, als dass wir den Schulen mit einigen Monaten Vorlauf mitteilen: Achtung, hier kommt im nächsten Schuljahr ein Problem auf euch zu. Diese Kinder sind nur eingeschränkt schulfähig und benötigen besondere Unterstützung.“ Zu dem Zeitpunkt, an dem die Schulen das mitgeteilt bekämen, könnten sie allerdings recht wenig tun, sagt Ramisch. Der Ablauf sehe vor, dass jedes Jahr kurz nach den Sommerferien die Anmeldung schulpflichtiger Kinder für das kommende Schuljahr beginne, woraufhin das Gesundheitsamt die Namen dieser Kinder dann mitgeteilt bekommt und sie ab November zur Schuleingangsuntersuchung einbestellt. „Manche der künftigen Erstklässler sehe ich also im November, andere aber auch erst im April oder Mai“, erklärt Ramisch.
Probleme in LU am größten
Fällt dabei auf, dass ein Kind in Sachen Sprache, Motorik oder auch sozialem Verhalten einen Förderbedarf hat, meldet Ramisch das an die zuständige Schule und spricht gegenüber den Eltern eine Empfehlung aus. „Das kann die Empfehlung sein, einen Kinderarzt aufzusuchen, um zum Beispiel eine Überweisung für Ergotherapie oder Logopädie zu erhalten, das kann aber auch die Aufforderung sein, sich um einen Kita-Platz zu bemühen.“
Stellt Ramisch bei ihrer schulärztlichen Untersuchung fest, dass ein Kind kaum oder keine Deutschkenntnisse hat, bleibt ihr am Ende des Tages tatsächlich auch kaum mehr übrig, als auf die Kitas zu verweisen. „Es gibt keine speziellen Sprachkurse für Kinder“, sagt die 62-Jährige, „und einen Kitaplatz kurz vor Schulbeginn, also dann, wenn die Kinder bei der Schuleingangsuntersuchung auffallen, den bekommen in Ludwigshafen wegen des generell großen Mangels an Kita-Plätzen nur die allerwenigsten.“

Früher habe es an dieser Stelle noch die Vorschule gegeben, das heißt, Kinder mit Förderbedarf bekamen einen Platz im sogenannten Schulkindergarten und wurden dort spielerisch auf den Unterricht vorbereitet. „Das wurde aber seitens des Landes abgeschafft, heute ist man der Ansicht, dass die Kinder direkt in die Schule gehen sollen, um dort unter Gleichaltrigen zu lernen“, sagt Ramisch, die seit 2004 als Schulärztin beim Kreisgesundheitsamt tätig ist. Weil dieses nicht nur für Ludwigshafen, sondern auch für den Rhein-Pfalz-Kreis sowie für Frankenthal und Speyer zuständig ist, hat sie bei jährlich rund 5000 Schuleingangsuntersuchungen einen guten Überblick und vor allem Vergleichsmöglichkeiten. „Ganz klar sind die Probleme in Ludwigshafen aufgrund der Gesellschaftsstruktur am größten“, sagt die Medizinerin.
Während Familien mit Migrationshintergrund, die zum Beispiel auf dem Dorf leben, deutlich häufiger mit der deutschen Sprache konfrontiert würden, in der Folge auch entsprechend besser integriert seien, höre man in Stadtteilen wie dem Ludwigshafener Hemshof den ganzen Tag über so gut wie gar kein Deutsch. „Selbst in den Kitas liegt der Anteil von Kindern mit Migrationsanteil dort ja teils weit über 80 Prozent, die Kinder sprechen also untereinander längst nicht immer Deutsch“, betont Ramisch. Kinder ohne Kita-Platz blieben an diesem Punkt sogar gänzlich außen vor, weshalb aus Sicht der Schulärztin die große Frage zu beantworten ist: „Wie bekommen wir Familien mit Migrationshintergrund dazu, dass sie Deutsch sprechen?“
„Mehr Kurse für Mütter“
Ramischs Erfahrung nach haben zwar die Väter oftmals entsprechende Sprachkenntnisse, seien aber den ganzen Tag auf der Arbeit. Mütter mit Migrationshintergrund sprächen als Hauptbezugsperson hingegen häufiger kein Deutsch, obwohl die Kinder davon profitieren könnten.
„Insbesondere in Stadtteilen wie dem Hemshof mehr Sprachkurse speziell für Mütter und ihre Kinder anzubieten, halte ich deshalb für geboten“, sagt Ramisch, die ebenfalls betont: „Sprache ist essenziell.“ Vor allem für Kinder gehe es dabei nicht nur um das Verstehen, sondern auch um soziale und emotionale Aspekte. „Wer in einer vulnerablen Phase wie dem Schuleintritt zum Beispiel unbegründet glaubt, ausgelacht zu werden, entwickelt vielleicht Ängste“, gibt Ramisch ein Beispiel.
Dass dem Gesundheitsamt vielfach die Angabe fehlt, ob ein Kind zur vorgeschriebene Vorsorgeuntersuchung beim Arzt war – wo Auffälligkeiten schon frühzeitig festgestellt werden können – bestätigt Ramisch. „Wenn wir über eine zentrale Stelle im saarländischen Homburg die Meldung bekommen, dass bei Ludwigshafener Kindern die Vorsorgeuntersuchung fehlt, dann bleibt das in rund zwei Dritteln dieser Fälle am Ende auch so.“ Den Mitarbeitern des Gesundheitsamts gelingt es also nur in einem Drittel der Fälle, per entsprechender Nachfrage beim Kinderarzt oder durch das Erreichen der Eltern, etwas zu bewirken. „Erreichen wir trotz der eingebauten Kontrollmechanismen nichts, dann melden wir diese Fälle dem Jugendamt“, erzählt Ramisch.
Bedarfe früher erkennen
Wie sie sich als Medizinerin angesichts der vertrackten Gesamtsituation fühlt? „Die Kinder haben große Not – zu sehen, dass kaum reagiert werden kann, weil so viele Kapazitäten fehlen, macht traurig. Wir leiden mit jedem Kind, das nicht ausreichend gefördert wird, obwohl wir sehen, welches Potenzial es hat.“ Wichtig zu betonen ist Ramisch dabei, dass in den Schulen und Kitas „wirklich viel geleistet wird.“ Zusätzliche Förderprogramme seien trotzdem dringend nötig. „Insbesondere muss schon deutlich vor dem letzten Kindergartenjahr überhaupt erkannt werden, welche Kinder einen besonderen Förderbedarf haben“, betont die 62-Jährige.
Das Bildungsministerium hat gegenüber der RHEINPFALZ angemerkt, dass schon jetzt gelte: „Für alle Kinder, die keine Kita besuchen, ist die Feststellung des Sprachförderbedarfs verpflichtend.“ Eine entsprechende Überprüfung sei von der Grundschule vorzunehmen, bei Bedarf werde zum Besuch der Kita geraten. Sollten die Eltern dieser Empfehlung nicht folgen, kann laut einer Ministeriumssprecherin seitens der Schule die Teilnahme an einer Sprachfördermaßnahme – also der Besuch einer Kita – angeordnet werden.
Das Problem? Ohne Kita-Platz bleibt die angestrebte Weiterentwicklung des Wortschatzes und aktiven Sprachgebrauchs auf der Strecke. Im vergangenen Jahr waren es laut Stadtverwaltung rund 2600 Kinder, die in Ludwigshafen zu Hause betreut werden mussten, obwohl sie einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz hatten.


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