Mittelmäßig bis schlecht: Was bei der Bildungspolitik im Land schiefläuft

Mittelmäßig bis schlecht: Was bei der Bildungspolitik im Land schiefläuft

Am Freitag gibt es in Rheinland-Pfalz Halbjahreszeugnisse. Eine Note erhält auch Bildungsministerin Stefanie Hubig. Die CDU-Fraktion im Landtag bewertet die Arbeit der SPD-Politikerin mit einer „Fünf“: mangelhaft. Auch die Leiterin der Gräfenauschule in Ludwigshafen fällt ein klares Urteil. Was läuft hierzulande in der Bildung schief?

Barbara Mächtle, die Schulleiterin der Gräfenau-Grundschule im Ludwigshafener Mulitkulti-Stadtteil Hemshof, ist keine, die auf die Bildungspolitik in Rheinland-Pfalz eindrischt. Die 47-Jährige differenziert. Sie benennt Positives und hält zugleich mit Kritik nicht hinterm Berg. Ihr Urteil aber ist eindeutig: „An die echten Knackpunkte macht man sich nicht heran, da eiert man herum“, sagt sie. Mächtle ist bekannt für ihren Mut.

Die Leiterin der Gräfenau-Grundschule in Ludwigshafen Hemshof.
Die Leiterin der Gräfenau-Grundschule in Ludwigshafen Hemshof.Foto: Uwe Anspach/dpa

Als sie im Frühjahr 2023 im RHEINPFALZ-Gespräch öffentlich prognostizierte, dass am Ende jenes Schuljahres rund ein Drittel aller Erstklässer der Gräfenauschule das Klassenziel nicht erreichen wird, warf dies ein Schlaglicht auf das Versagen von Bildungspolitik. Mit 39 Kindern drehen ungewöhnlich viele schon zu Beginn ihres Schullebens eine Ehrenrunde. Mächtle erhielt – womöglich auch wegen der medialen Aufmerksamkeit – etwas mehr Unterstützung für die schulische Arbeit. Für die ersten sechs Wochen nach den Sommerferien zum Beispiel Lehramtsstudierende, die den regulären Pädagogen im Unterricht halfen: Schülern etwas ein zweites Mal zu erklären oder sich darum zu kümmern, dass sie die richtigen Hefte aus dem Ranzen holen. Doch hat sich etwas wesentlich verbessert? Fast alle Mädchen und Jungen, die in die erste Klasse der Gräfenauschule kommen, haben Mächtle zufolge nach wie vor großen Förderbedarf. Entweder könnten sie nicht ausreichend Deutsch, brauchten Hilfe beim Lernen oder seien sozial nicht reif für die Schule. So gut wie alle Kinder an der Gräfenauschule haben einen Migrationshintergrund, auch deutschstämmige Kinder hätten mitunter große Sprachdefizite.

„Große Forderung nicht umgesetzt“

Die Planstellen der Klassenleitungen etwa, sagt Mächtle, seien an allen Ludwigshafener Grundschulen besetzt. „Da sind wir so gut versorgt wie nie, ansonsten hat sich personell aber nichts getan.“ An Schulen wie ihrer sei eine der großen Forderungen nicht umgesetzt: „Dass wir Mathe, Deutsch und Sachkunde zu zweit unterrichten können. Nicht generell für alle Schulen, aber für solche, die das brauchen.“ Helfen könnten ihrer Meinung nach auch eine verpflichtende Ganztagsschule, Sprachkurse für Eltern, und mehr schulinternes Budget, wenn es um Kleinprojekte geht.

Bewegung, neue Wege: Bildungspolitiker müssen sich etwas einfallen lassen, damit Schüler und Schülerinnen besser lernen können u
Bewegung, neue Wege: Bildungspolitiker müssen sich etwas einfallen lassen, damit Schüler und Schülerinnen besser lernen können und diejenigen mitgenommen werden, die von zu Hause wenig unterstützt werden.Foto: Andreas Arnold/dpa

Sprache, da sind sich die Experten einig, ist der Schlüssel nicht nur zum (Schul)erfolg. Mangelnde Deutschkenntnisse sind aber bei Weitem nicht nur an Brennpunktschulen ein Problem. Hinzu kommen weitere Probleme – in ganz Deutschland. Im internationalen Vergleich haben Schüler und Schülerinnen an deutschen Schulen bei der jüngsten Pisa-Studie so schlecht abgeschnitten wie noch nie. Untersucht wurden die Fähigkeiten von 15-Jährigen in Mathematik, im Lesen und in Naturwissenschaften.

Rheinland-Pfalz ist im Ländervergleich abgehängt

Rheinland-Pfalz ist alles andere als ein Primus. Beim IQB-Bildungstrend, der regelmäßig Ländervergleiche für Viert- oder Neuntklässer liefert, liegt das Bundesland auf hinteren oder mittleren Plätzen. Hamburg jedoch, wo mehr als die Hälfte der Schülerschaft einen Migrationshintergrund hat, gehört nicht mehr – wie noch im Jahr 2011 – zu den Schlusslichtern.

In Hamburg schreibt man diesen Aufholerfolg vor allem dem landeseigenen Institut für Bildungsmonitoring und Qualitätsentwicklung (IfBQ) zu. Dort werden die Fähigkeiten aller Schüler eng überprüft, pädagogische Konzepte seit Jahren wissenschaftlich begleitet. Das Ziel: herausfinden, was hilft und was nicht – früh Defizite finden und gegensteuern, und Mehrsprachigkeit als Bereicherung erkennen. Laut IQB-Bildungstrend lasse sich zwar ein Zusammenhang mit der Strategie einer datengestützten Schul- und Unterrichtsentwicklung „nicht mit Sicherheit feststellen“. Es erscheine jedoch „plausibel“, dass so „bei sich abzeichnenden Problemlagen frühzeitiger interveniert werden kann“. Dennoch: Auch in Hamburg ist die Welt nicht nur rosig: Am Ende ihrer Schulzeit verfügen 20 Prozent aller Jugendlichen in dem Stadtstaat nur über rudimentäre Kenntnisse in Mathe und Deutsch. Das hatte Institutsleiterin Martina Diedrich 2022 in einem Beitrag der „Zeit“, bekannt. Sie weiß, „Daten allein sind keine Wahrheiten“.

Die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD).
Die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD).Foto: Arne Dedert/dpa

Ein solches Institut mit rund 60 Mitarbeitenden und einem riesigen Datenaufwand leisten sich die meisten Bundesländer nicht. Ob es eine solche Einrichtung hierzulande braucht, darüber gehen die Meinungen auseinander. Die Oppositionsfraktionen von CDU und Freien Wählern im Landtag befürworten dies auf Anfrage. Der rheinland-pfälzische Philologenverband dagegen, das Bildungsministerium oder Mandy Schiefner-Rohs, Professorin für Allgemeine Pädagogik an der RPTU Kaiserslautern Landau, die zugleich Beiratsmitglied im Pädagogischen Landesinstitut ist, lehnen dies ab oder sind skeptisch. Sie verweisen auf wissenschaftliche Expertise, die durchaus genutzt werde. Auch das Diagnoseverfahren Kermit aus Hamburg werde nun in Rheinland-Pfalz genutzt, sagt Schiefner-Rohs.

Opposition: Mangelhaft

Am Ende des ersten Schulhalbjahres 2023/24 gibt die CDU-Fraktion der Bildungspolitik von Stefanie Hubig (SPD) die Note „mangelhaft“. Zugleich erkennt die Opposition Bemühungen an: etwa bei „Hubigs 9-Punkte-Plan zur Stärkung der Grundschulen“, vieles jedoch seien nur „punktuelle Angebote“. Die CDU fordert schon seit langem Sprachförderung und eine verpflichtende Vorschule im letzten Kindergartenjahr. Dies bekräftigen auch die Freien Wähler und fordern eine verpflichtende Überprüfung der Sprachkenntnisse eineinhalb Jahre vor Schuleintritt. Die Ministerin selbst verteidigt einmal mehr ihre Arbeit.

Stehen wir denn am bildungspolitischen Abgrund? Nein, sagt der stellvertretende Schulleiter in Neustadt, Stefan Broscheit, der eine private Bildungsinitiative für Rheinland-Pfalz gegründet hat und 15 Mitglieder gewonnen habe. „Aber es gibt sehr viele Spielräume für Verbesserungen.“

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