Wie Eltern die Krisensituation an den Grundschulen erleben

Wie Eltern die Krisensituation an den Grundschulen erleben

Die Schulleitungen aller Ludwigshafener Grundschulen haben zusammen mit den Elternbeiräten einen offenen Brief an Bildungsministerin Hubig geschrieben und „massive Unterstützung“ eingefordert. Wie sie die bestehenden Probleme wahrnehmen, hat Eva Briechle die beiden Elternvertreter Humeyra Gül und Frank Maaß gefragt.

Dass sämtliche Grundschulleitungen zusammen mit den Schulelternbeiräten einen gemeinsamen Brief ans Bildungsministerium schicken, ist ein sicheres Zeichen dafür, dass die Not sehr groß ist. Wie haben Sie denn die gemeinsame Abstimmung dieses offenen Briefs erlebt?
Maaß: Zuallererst möchte ich sagen, dass ich die gemeinsame Abstimmung dieses offenen Briefs als wirklich gutes und auch beeindruckendes Zeichen empfinde. Bei insgesamt 26 Grundschulen in Ludwigshafen waren von 25 die Elternvertreter zum Treffen mit den Schulleitungen anwesend und bei den ganz wenigen, die fehlten, waren es Terminprobleme, die an dem Abend einfach nicht zu lösen waren. Hinter dem offenen Brief steht also wirklich ein vollständiges Meinungsbild. Wobei inhaltlich von uns zu 100 Prozent das geteilt wurde, was die Schulleitungen als Entwurf für den Brief ausgearbeitet hatten. Am Abend selbst gab es seitens der Eltern dann noch viele Anmerkungen und Beispiele aus den jeweiligen Schulen, aber auch Lösungsvorschläge. Man hat also gemerkt, dass die schwierige Situation an den Schulen den Elternbeiräten absolut unter den Nägeln brennt.

Wie geht es jetzt nach dem offenen Brief weiter? Hat das Ministerium in irgendeiner Form auf Ihre Forderung nach mehr Unterstützung für die Schulen reagiert?
Maaß: Wir als Elternvertreter der Grundschulen möchten uns jetzt weiter abstimmen und am 19. Juni erneut treffen. Das Ziel ist ganz klar, dass wir uns besser organisieren wollen und als Schulelternbeiräte in Form einer Arbeitsgemeinschaft die Situation an den Ludwigshafener Schulen weiter in der Öffentlichkeit halten möchten. Seitens des Ministeriums hat es uns gegenüber bislang keine Reaktion gegeben. Aber zwei große Landtagsfraktionen haben angekündigt, mit uns sprechen zu wollen, und möchten mit Vertretern auch nach Ludwigshafen kommen. Dies werden wir nach dem Treffen am 19. Juni verabreden.

Frau Gül, Sie sind die Vorsitzende des Schulelternbeirats der Gräfenauschule, die insofern stark betroffen ist, als dass dort 40 Erstklässler dieses Jahr wohl nicht das Klassenziel erreichen. Wie erleben Sie die derzeitige Situation?
Gül: Meine eigenen Kinder waren in der Grundschule Pfingstweide, bevor wir an die Gräfenauschule wechselten. Deshalb kann ich sagen: Den Unterschied habe ich deutlich wahrgenommen. Insbesondere bei den Erstklässlern wurde an der Gräfenauschule deutlich, wie schwierig es für die Kinder in Bezug auf deutsche Sprachkenntnisse ist.

Humeyra Gül
Humeyra GülFoto: privat/Gratis

Sind Sie denn mit Eltern, die einen Migrationshintergrund haben, zu diesem Thema im Gespräch?
Gül: Ja, sowohl als ehrenamtliche Seelsorgerin als auch ganz privat. Aus meiner persönlichen Sicht – und als Türkin ist meine Meinung, dass, wer in Deutschland lebt, auch die deutsche Sprache ausreichend kennen sollte – fängt das Problem bereits in dem Moment an, wo keine Kita-Plätze vorhanden sind. Die Kinder kommen dann kaum in Berührung mit der deutschen Sprache, weil zu Hause in den Familien die eigene Muttersprache gesprochen wird. „Wir können die deutsche Sprache selbst nicht anwenden“, sagen mir Eltern oft. Und so kommt man über die Jahre an den Punkt, dass Kinder schon in der ersten Klasse nicht mitkommen. Aus meiner Sicht ist es aber teils auch ein Problem, dass diejenigen Kinder, die durchaus Deutsch sprechen könnten, im Schulalltag zu schnell auf ihre eigene Muttersprache umschwenken, wenn sie sich untereinander unterhalten – außerhalb der Schule, rein privat, ist das natürlich kein Problem. Viele Kinder, die spät im Kindergarten anfangen, haben jedoch nicht nur sprachliche, sondern auch motorische Probleme. Teilweise kennen sie den Umgang mit Scheren und weiteren Schulmaterialien nicht.

Würden Sie sagen, wenn es mehr und bessere Angebote zum Erlernen der deutschen Sprache gäbe, würden die Eltern das auch nutzen? Es wird ja durchaus auch argumentiert, dass seitens mancher Eltern mit Migrationshintergrund gar kein Interesse daran bestehe, das eigene Kind zum Beispiel in die Kita zu schicken.
Gül: Es gibt beides. Insbesondere auch jene Eltern, die etwas tun wollen, aber nicht können – zum Beispiel, weil sie zu Hause zu viele Kinder und damit nicht die Möglichkeit haben, mit einem davon in eine Krabbelgruppe zu gehen, wo Deutsch gesprochen wird.

Herr Maaß, wie ist die Situation an der Brüder-Grimm-Schule, wo ihr Kind zur Schule geht?
Maaß: Unsere Schule liegt in Süd, hat bei 250 Kindern einen Migrationsanteil von zirka 50 Prozent, was natürlich noch mal eine deutlich andere Situation als an der Gräfenauschule ist, wo dieser Anteil bei 98 Prozent liegt. Aber auch an der Brüder-Grimm-Schule gibt es natürlich Themen, die mit fehlenden Sprachfertigkeiten zu tun haben. Darüber hinaus bestehen allerdings auch noch ganz andere Schwierigkeiten – wie zum Beispiel mangelnde Selbstorganisation. Für manche Kinder ist es schon eine Herausforderung, dass sie mit Ranzen, Büchern und Stiften zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind. Hier sind natürlich auch die Eltern gefragt. Aber insbesondere die verstärkte personelle Ausstattung der Schulen ist enorm wichtig, um auf solche Herausforderungen besser reagieren zu können. Auch mehr Sprachkurse sind nötig, dieses bestehende Problem muss seitens der Politik adressiert werden.

Muss insgesamt mehr Geld in die Bildungspolitik gesteckt werden?
Maaß: Man kann nicht über Fachkräftemangel klagen und gleichzeitig an den Schulen sparen. Das ist einfach sinnlos. Ausbildung beginnt nicht an der Universität, sondern im Kindergarten. Selbstverständlich muss man mehr Geld in die Bildung stecken, und zwar auch langfristig. Es müssen wirklich dicke Bretter gebohrt werden. Und auch für die Ausbildung von Lehrern muss langfristig gesorgt werden.

Frank Maaß
Frank MaaßFoto: privat/Gratis

Wie erleben Sie denn die Lehrer an Ihren Schulen? Ich selbst kann nur etwas zur Gräfenauschule sagen und hatte dort das Gefühl, dass ein sehr engagiertes Team am Werk ist, welches systembedingt und unter dem großen Druck der Situation zwar überfordert ist, nichtsdestotrotz aber ganz viel Herzblut in die Arbeit mit den Kindern legt.
Gül: Die Lehrkräfte an der Gräfenauschule engagieren sich wirklich sehr und tun viel für die Kinder. Das sieht man auch. Vor allem Frau Mächtle als Schulleiterin kann ich nur Lob aussprechen. Trotzdem gibt es natürlich Schwierigkeiten, insbesondere durch Krankheitsfälle oder Personalmangel.

Maaß: Auch an unserer Schule empfinde ich die Lehrkräfte als sehr engagiert, aber man merkt wirklich am Krankenstand, dass viele an der Grenze der Belastung unterwegs sind. Zudem ist das Gebäude in keinem guten Zustand und völlig überaltert. Das heißt, man arbeitet unter Bedingungen, die wirklich nicht optimal sind, und teils denkt man nicht, dass wir in einem der reichsten Industriestaaten leben. Als Team hält man bei uns an der Schule aber natürlich trotzdem zusammen und versucht, das Beste aus der Situation zu machen.

Thematisieren denn Ihre Kinder in irgendeiner Weise die Situation in der Schule?
Maaß: Die Kinder nehmen die beschriebene Situationen nicht so wahr wie wir. Schule ist halt so – und im Normalfall können sie das schlicht und ergreifend nicht vergleichen. Beim Wechsel von der Grundschule aufs Gymnasium hat man dann allerdings schon auch gemerkt, und das war auch die Rückmeldung der Lehrer dort, dass bestimmte Grundlagen einfach fehlten, die man von der Grundschule mitbringen sollte. Das lag aber nicht daran, dass das Kind nicht engagiert genug war, sondern hatte schlicht und ergreifend damit zu tun, dass die Grundschule einfach mit erheblichen Problemen zu kämpfen hatte. In der Klasse meiner Tochter waren zum Beispiel nur vier Kinder ohne Migrationshintergrund. Da gibt es immer wieder Themen in der Klasse, die eben nicht nur mit Mathematik zu tun haben – und die davon abhalten, an dem dranzubleiben, was man in der nächsten Schule braucht.

Im offenen Brief an Bildungsministerin Stefanie Hubig wird „dringend massive und intensivierte politische Unterstützung“ gefordert. Konkret: „Mehr Personal bereits ab dem kommenden Schuljahr, damit eine kontinuierliche Doppelbesetzung in den Eingangsklassen gewährleistet ist.“ Was tun Sie, wenn es aus Mainz keine Unterstützung in diesem Sinne gibt?
Maaß: Auf jeden Fall haben wir jetzt wahrgenommen: Das Thema ist auf der Landesebene angekommen. Unsererseits ist der seitens der Ludwigshafener Grundschulen verschickte offene Brief ganz sicher nicht das Ende. Wir werden uns jetzt noch besser organisieren, die Treffen mit den beiden Landtagsfraktionen abwarten und in jedem Fall dranbleiben.

Gül: Dieser Einschätzung kann ich mich nur anschließen. Das erste gemeinsame Treffen für den offenen Brief war insbesondere seitens der Elternvertreter sehr gut besucht, das wird keine einmalige Aktion bleiben.

Über den Author

Kommentar hinterlassen

Your email address will not be published. Required fields are marked *